Ebru-Kunst
Ebru
Clouded paper
Türkisches Marmorpapier
Suminagashi 墨流し
Abr-o-bād ابر و باد
Ebru hat viele Namen: Clouded paper, türkisches Marmorpapier, Suminagashi (墨流し), auf Japanisch „schwimmende Tinte“, Abr-o-bād (ابر و باد), auf Farsi „Wolke und Wind“, oder einfach Marmorpapier. Das türkische Wort Ebru stammt wahrscheinlich vom persischen abrī (ابری), „wolkig“. Auch wenn sich die Maltechniken unterscheiden, haben alle eines gemeinsam: Die Farben werden kunstvoll auf Wasser gesetzt.

Geschichte
Eine Reise durch die Jahrhunderte

Zwei Seiten mit Waka-Gedichten von Ōshikōchi no Mitsune aus dem Sanjūrokunin kashū, überreicht an Kaiser Shirakawa zu seinem 60. Geburtstag im Jahr 1112. Nishi Hongan-ji, Kyoto. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Diese Seiten aus Japan sind die ältesten heute bekannten Beispiele für Marmorpapier. Die Ebru-Technik, wie wir sie kennen, entstand im 15. Jahrhundert im iranischen Kulturraum und in Zentralasien. Persische Geschichtsbücher nennen „kāghaẕ-e abrī“ oder „abrī“ als frühe Namen. Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden in Persien und in den Gebieten der heutigen Türkei verschiedene Ebru-Techniken und Materialien.

Marmoriertes Vorsatzpapier aus einem Buch, das um 1735 in Frankreich gebunden wurde. Quelle: Wikimedia Commons.
Im 17. Jahrhundert kam Marmorpapier nach Europa und wurde für Bucheinbände und Vorsatzpapiere beliebt. Mit der Zeit entstanden viele Methoden, bei denen die Farben auf einem Bad aus eingedickter Flüssigkeit schwimmen, dem sogenannten Marmoriergrund. Er wurde aus Pflanzen hergestellt, zum Beispiel aus Bockshornkleesamen, Tragant (Astragalus) und Salep (Knollen von Orchis mascula).

Kalligrafie-Tafel mit einem Vers aus dem Koran (14:7) auf Marmorpapier. Quelle: Library of Congress.
Diese Kalligrafie-Tafel ist typisch für Kompositionen, die nach dem 16. Jahrhundert in Zentralasien, Iran, Indien und der Türkei auf Marmorpapier geschrieben wurden.
Neben diesen traditionellen Anwendungen nutzen KünstlerInnen Ebru heute als Maltechnik. Ebru wird auf internationalen Symposien und in Museumsausstellungen gezeigt, und seine Ursprünge werden weiter erforscht.
Kultur
Von MeisterIn zu SchülerIn
Ebru ist Teil der türkischen Kultur, Identität und Lebensweise. Es ist nicht nur eine Technik, sondern auch eine Philosophie, die von Generation zu Generation weitergegeben wird und zu einer gemeinsamen Identität und Erinnerung gehört. 2014 wurde „Ebru, die türkische Kunst des Marmorierens“ in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen (Quelle: UNESCO).
Ebru-KünstlerInnen lernen jahrelang bei einer Meisterin oder einem Meister, bevor sie eigene Techniken entwickeln und sogar ihre eigenen Materialien herstellen.

Besonderheiten
Was Ebru besonders macht
Miteinander der Farben
Die Farben vermischen sich auf dem Wasser nicht. Heute steht Ebru für die Vielfalt des Kosmos: Alle Farben bilden eine faszinierende Einheit, ohne dass eine die andere beherrscht oder verdrängt.
Einzigartige Kunstwerke
Kunst auf Wasser hängt von vielen Dingen ab: von der Farbmischung, der Temperatur, der Geschwindigkeit der Hand, sogar vom Staub auf der Oberfläche. Kein Werk lässt sich wiederholen, und der Einklang von Körper und Geist ist entscheidend.
Zusammenspiel
Es braucht jahrelange Übung, um die Farben richtig auf der Wasseroberfläche zu platzieren und zu formen. Ob geplant oder zufällig, das Zusammenspiel lässt wunderschöne Motive entstehen. Auch wenn das Ergebnis nicht perfekt ist, wird der Tanz der Farben zu einer meditativen Reise.
Material
Womit ich arbeite
Farbe
Seit Jahrhunderten werden für Ebru natürliche Pigmente aus Gestein und Erde verwendet, die sich nicht in Wasser lösen. Die Farbe wird mit Wasser und Ochsengalle gemischt und ruht ein bis zwei Monate, wobei sie regelmäßig umgerührt wird. Gutes Einweichen sorgt dafür, dass die Farben auf dem Papier haften.
Carrageen
Ebru braucht eine dicke, leicht klebrige Flüssigkeit. Heute ist die häufigste Grundlage Carrageen, das aus Rotalgen gewonnen wird. Traditionell wurde Tragant (Kitre) verwendet.
Ochsengalle
Ochsengalle lässt die Farben auf der Oberfläche verlaufen, ohne dass sie sinken. Sie regelt die Oberflächenspannung und verhindert, dass sich die Farben vermischen. Die ersten Farben brauchen nur wenig Galle, jede neue Farbe braucht mehr. Farben, die nicht im Gleichgewicht sind, sinken, brechen oder verschmieren beim Übertragen aufs Papier.
Kämme und Nadeln
Mit Kämmen entstehen Kammmuster. Die Zinken haben unterschiedliche Abstände (2, 3, 4, 5, 6, 7 und 9 mm). KünstlerInnen passen die Kämme dem eigenen Stil an. Für feine Linien und Details nutzt man Nadeln in verschiedenen Größen, gemacht zum Beispiel aus Nägeln, Saiten oder Nähnadeln.
Wanne
Die Flüssigkeit kommt in eine Wanne aus Edelstahl. Sie ist meist etwa 6 cm tief und hat die Größen 68 × 100 cm, 34 × 50 cm und 17 × 25 cm.
Pinsel
Ebru-Pinsel werden von Hand aus Pferdehaar und getrockneten Rosenzweigen gefertigt und mit Angelschnur gebunden, ganz ohne Kleber oder Band. Mit der Zeit biegen sich die Haare zu einer sanften Rundung. So lässt sich die Richtung der Tropfen genau steuern.
Terpentin
Natürliches Terpentin gibt den Farben eine dreidimensionale, kugelartige Wirkung.

